Was wäre, wenn man den Erfolg von Produkten schon Tage vor ihrer Einführung voraussagen könnte. Wenn dafür keine aufwendige Marktforschung oder Telefonbefragungen nötig wären, und nur ganz allgemein zugängliche Daten aus dem Internet die Grundlage für die Untersuchungen bilden. Forscher der HP Labs verfolgen genau diesen Weg und übertrumpfen dabei sogar um ein vielfaches komplexere Methoden.

Auf Twitter werden täglich um die 50 Millionen Tweets entsandt. Viel Information die, so müsste man meinen, oft ungefiltert im unendlichen Groß des Netzes zu verschwinden droht. Doch zumindest für eine Weile warten die schieren Datenmengen nur darauf gepflückt und analysiert zu werden, mit immer wieder erstaunlichen Ergebnissen. Sitaram Asur und Bernardo A. Huberman, zwei Forscher der HP Labs in Palo Alto glauben den Schlüssel für Zukunftsvoraussagen gefunden zu haben. Für ihr Experiment wurden 2,89 Millionen Twitter Updates von 1,2 Millionen Nutzern zu den 24 größten Kinostarts der vergangenen drei Monate analysiert und ausgewertet, darunter Blockbuster wie “Avatar”, “Sherlock Holmes” oder “Twilight: New Moon”.

Für die Erfolgsberechnung der Filme am Startwochenende wurden neben der Tweetanzahl in der Woche vor Veröffentlichung des Films auch die Zahl der Filmkopien der teilnehmenden Kinos berücksichtigt. Die Genauigkeit der Analyse der Einspielergebnisse belief sich auf 97,3%. Das derzeit von der Filmindustrie favorisierte Tracking-System, das umso komplexere Hollywood Stock Exchange (HSX) erreichte eine Genauigkeit von 96,5%.

In Zahlen ausgedrückt: Für den Film “Dear John” wurden Einnahmen am Startwochenende in der Höhe von $ 30,71 Mio. prognostiziert, schließlich waren es dann $ 30,46 Mio. “The Crazies” wurde auf $ 16,8 Mio. geschätzt, spielte dann $ 16,07 Mio. ein.

Neben dem Eröffnungswochenende, an dem schlicht die größtmögliche Publizität für einen Film ausschlaggebend ist, wurde die Methode auch auf die zweite Woche ausgeweitet. Hierbei lag das Augenmerk vor allem auf mit dem Film verbundenen Emotionen in den Tweets (positiv, negativ, neutral), die wiederum die allgemeine Meinung über die Qualität des Films nach der Veröffentlichung bestimmen. Dieses Mal lag die Genauigkeit bei 94%.

Alles in allem sind die Unterschiede zu etablierten Erhebungsmethoden verhältnismäßig gering, sodass in Zukunft wohl kein sturmartiger Wechsel auf Twitter basierende Data-Mining Software zu verzeichnen sein wird. Eine gänzlich neue Möglichkeit bietet sich aber für Märkte, die noch nicht über derartige Systeme und Prognosen verfügen. Twitter ließe sich laut den Forschern für alle möglichen Prognosen nützen, seien es Produkte, Agenda Setting oder Wahlergebnisse. Offen bleibt weiterhin, ob die Twitter Community in ihrer Funktion als Spiegel der Gesellschaft für derartige Prognosen auch wirklich die Gesellschaft 1:1 repräsentiert. Zumindest im deutschsprachigen Raum sollte dieser Umstand noch mit Vorsicht genossen werden. Das Potenzial von Social Media Software und die damit verbundenen Möglichkeiten zeugen dennoch von einer ungebrochenen Relevanz.

Das PDF “Predicting the Future With Social Media” nachlesen.