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Unser Publikum ist nicht dispers! Meine Bestandsaufnahme zu 3 Jahren ATV Am Punkt

Heute, Mittwoch, ist Saisonstart. Nein, nicht Schifahren, Formel1 oder Fußball, sondern die neue AmPunkt-Saison. Österreichs erste, beste, interaktivste politische Diskussionssendung ist zurück aus der Sommerpause [/Eigenwerbung].
Und damit starten wir in einen heißen Herbst, soviel ist sicher. Denn es wird mit Sicherheit neue Parteien, einen sukzessive startenden Nationalratswahlkampf und möglicherweise sogar Neuwahlen in manchen krisengeschüttelten Bundesländern geben.

Den Start in die mittlerweile 4. Saison (erste Sendung war am 16. 9. 2009) zum Anlass nehmend habe ich für mich Revue passieren lassen, was in den letzten drei Jahren AmPunkt passiert ist, welche Erkenntnisse ich daraus ziehen konnte und welche Fehleinschätzungen mir passierten. Denn immerhin war AmPunkt auch das erste von einem TV-Sender gestartete “Social TV”- Projekt, lange bevor es jemand Social TV genannt hat. (Es war schon 2009 absehbar, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis das Buzzword Social TV entsteht – aber wir wollten nicht die Schuldigen sein…)

Am 16.09.2009 ging AmPunkt (Thema: “1 Jahr Krise, nichts gelernt?”) erstmals On Air – diesem Startpunkt gingen aber bereits 12 Monate der Vorbereitungen voraus. Neben Sendungskonzeption, Bau des TV-Studios und des Analysestudios (ja, das wurde extra eingebaut!) war vor allem die Umsetzung der Online-Integration eine Herausforderung. Dinge, die man vorher als Onliner nicht ahnt, wurden plötzlich relevant: Wie können Fragen während der Livesendung direkt vom Web ins Studio gelangen, ohne den Moderator aus dem Konzept zu bringen? Denn die technische Infrastruktur, die es den CNN Moderatoren ermöglicht, mal eben einen Tweet vom Ipad auf den Bildschirm zu swipen, kostet dann doch ein bisschen mehr, als sich ein österreichischer Privatsender leisten kann… ein kompliziertes Setup aus gespiegelten Bildschirmen mit einer Powerpoint Präsi drauf, zwei Redakteuren und einem OnAir-Grafiker sorgen seitdem für jenen Workaround der ermöglicht, dass Fragen erst entdeckt und dann – zur richtigen Zeit im Sendungsablauf – an den Moderator aber auch auf den TV Schirm gelangen.

Im Mittelpunkt des ATV AmPunkt Setups stand und steht schließlich das Blog, begleitet von einem Twitter Account und einer Facebook Seite . Blog und Facebook Seite enthalten beide einen Livestream zur Sendung und den Facebook Live Chat. So werden Twitter und Facebook-Fragen aggregiert, außerdem sind Fragen und Kommentare am Blog möglich.

 

Kein Kommunikationskonzept vom Reißbrett

Mitte 2009 wusste man sehr wenig über die Demografie der österreichischen Social Web User. Wie viele, wie alt sie sind und was sie gerne tun, waren somit offenen Fragen. Und die User, die uns privat im Social Web unterkamen …nun, die sahen/sehen selbstverständlich alle nur ARTE; sofern sie denn überhaupt einen Fernseher hatten und nicht ausschließlich Ö1 oder BBC Dokus konsumierten … :) Wer aber die Online Welt kennt, weiß, dass nur eine relativ kleine Gruppe der User auch partizipiert – also Fragen stellt oder kommentiert. Aus diesem Grund war es unerlässlich, die Online Community auch wirklich mit dem Partizipationsangebot der Sendung anzusprechen. Bevor also die klassischen Journalisten überhaupt über die neuen ATV- Konzepte informiert wurden, luden wir also schon erste Blogger und Twitter-Heavy-User zu Probesendungen ein. Das Feedback war sehr gut, wir konnten noch einige Details optimieren und nebenbei auch kommunizieren, was uns wichtig war: hier wird journalistisch gearbeitet. Denn Privatsender tragen wesentlich zur Meinungs- und Medienvielfalt in diesem Land bei, und je mehr Menschen an Formaten wie AmPunkt partizipieren, desto weniger muss der ORF den “Staatsfunk” geben, weil es den Regierenden eh ausreicht, in der Krone und im ORF vorzukommen. Mit der Offenheit und Unterstützung, die uns Blogger, Twitteruser und auch aktive Facebook Fans entgegen brachten, war eine Atmosphäre geschaffen, in der man ATV AmPunkt eine Chance gab. Danke dafür!

Die Sache mit der Partizipation

Mit einem Thema, einem Beitrag, einer Sendung genau die Diskussionsbedürfnisse der Seher/User getroffen zu haben, ist die Königsdisziplin in der Branche. Dazu aber auch eine Erkenntnis aus dem Social Web: man bekommt nicht immer die Reaktion, mit der man gerechnet hätte. Das Konzept “amPunkt” soll es Bürgern ermöglichen, Fragen an Politiker, Interessensvertreter, Experten und Betroffene stellen zu können. Diese Möglichkeit wird relativ wenig genutzt, und wenn, dann sehr oft von Usern, die ebenfalls aus der Politik oder einer bestimmten Branche stammen. Dennoch kann sich AmPunkt nicht über zu wenig Partizipation beklagen: die stärkste Partizipation erfolgt allerdings in Form von Kommentaren. Oft steht auch das Gespräch über die Sendung an sich im Vordergrund und das Interesse mit den Gästen zu kommunizieren ist eher gering. Den Usern geht es also mehr um den Dialog mit ihrer eigenen Peer Group.

Das Voting. Oder: Holy Sh*t, was für ein Fehler.

Usability Guru Jacob Nielsen macht es sich leicht. Um den Schnitt seiner sogenannten 90-9-1-Regel  zu verbessern, empfiehlt er, Möglichkeiten zur niederschwelligen Partizipation zu schaffen, z.B. Bewertungen mit dem berühmten 5-Sterne-System. Das wollten wir auch anbieten und haben darum ein ganz simples Voting eingeführt.

Fortan wurden wir Woche für Woche ausgeschimpft. Das Voting sei nicht repräsentativ, die Antwortmöglichkeiten suggestiv und/oder nicht ausreichend und vor allem: Wir würden es beeinflussen, eh klar. Sämtliche Versuche zu argumentieren, dass wir eigentlich mehr an der Meinung der User als am Manipulieren des Votings interessiert seien, blieben erfolglos. Auch der Hinweis, dass es sich um ein nichtrepräsentatives Umfrage-Ergebnis und eine Momentaufnahme der ATV AmPunkt Seher/User handle – keine Chance gegen die Schwarmintelligenz!

Aber was soll’s, wenn wir es nicht schaffen, das zu kommunizieren, müssen wir’s besser machen! Also musste ein repräsentatives Umfragetool her, und da die AmPunkt User vor allem auf Facebook unterwegs sind (so wie die ÖsterreicherInnen überhaupt), wurde eine Facebook Applikation programmiert. Meinungsforscher Peter Hajek stellte die Auswertungsmethode und zur Convenience der User wurde die demografischen Daten und nur diese vom Facebook Profil automatisch übernommen, was natürlich ein paar Genehmigungen erforderte. Außerdem wurde abgefragt, welche höchste, abgeschlossene Ausbildung der User hat bzw. ob er Matura hat.

Holy Sh*t, was für ein Fehler.

Obwohl unsere Umfragen durchschnittlich ca. 600 Teilnehmer hatten, wurden die Ergebnisse grundsätzlich als nicht-repräsentativ bzw. einfach falsch bezeichnet. (Zur Info: Repräsentative Stichproben beginnen in Österreich bei einem 300er-Sample). Politische Protagonisten versuchten bei Nichtgefallen der Umfrageergebnisse kleine Shitstürmchen im Wasserglas unter Zuhilfename ihrer Parteifreunde zu inszenieren, während die einfachen User uns wegen der elitären Fragen nach der Ausbildung zerfleischten. Und uns natürlich Datensammelwut unterstellten. Diesmal haben wir aber nicht so schnell aufgegeben, die Umfragen gibt es nach wie vor. Und sie wird auch in dieser Saison wieder kritisiert werden, jede Wette :)

What’s hot and what’s not – Erkenntnisse zur Themen/Twitter/Quoten-Korrelation

Wer Abends gegen 22 Uhr auf Twitter unterwegs ist, muss den Eindruck haben, dass gerade ganz Österreich vor dem Fernseher sitzt und mit dem innenpolitischen Tagesgeschehen mitfiebert. Politische Talkshows und Nachrichtensendungen dominieren die Twitterstreams. Das lässt die Herzen der Programmmacher auf jeden Fall höherschlagen. Aber eines tut’s nicht: die TV-Quoten verbessern. Partizipation im Web ist nicht gleich Quote. Offensichtlich wichtige Themen auf Twitter sind nicht automatisch wichtige Themen für den Rest der ÖsterreicherInnen; und das bedeutet auch: Twitter und Facebook User interessieren sich für völlig andere Themen. Auf Twitter hält sich eine stark politische und stark politisierte Community auf, gerne als Opinion Leader bezeichnet. Gerade mal 85.298 ÖsterreicherInnen sind derzeit auf Twitter registriert, davon gut die Hälfte regelmäßig aktiv. Das ist übrigens einer der Gründe, warum es nie eine Twitter Wall im AmPunkt Studio gab und geben wird (der andere Grund ist, dass die Sendung bereits schon so viele Elemente hat und die Gäste mit einer Twitterwall meist überfordert wären). Diese Gruppe der Opinion Leader hat bereits potentiell Zugang zu den AmPunkt-Gästen, da ist keine weitere Vorzugsbehandlung gegenüber den Facebook Usern sinnvoll. Auch, wenn wir uns damit wohl selbst einen Gefallen täten.

Eine interessante, wenn auch nicht überraschende Beobachtung ist übrigens, dass die Anwesenheit einer Twitterpersönlichkeit  im AmPunkt-Studio die Anzahl der Tweets zur Sendung sofort rasant in die Höhe schnellen lässt. Also auch auf Twitter funktioniert die Grundregel der Lokalberichterstattung: “He, den kenn ich doch (wenn auch nur von Twitter), das schau ich mir an!)

Themen, bei denen die Luft brannte

Spannend war es auch, den Wandel der sogenannten Aufreger-Themen zu verfolgen. 2009 war das stärkste Thema “#Unibrennt”. Die Sendung löste im Social Web einen richtigen kleinen Flächenbrand aus, was mit Sicherheit auch, aber nicht nur an Martin Thür  dem Posterboy der ATV Info, im besetzten Audimax lag.…

2010 waren die polarisierenden Themen Hunde (Einführung des Hundeführscheins) und Muslime (Moscheenbau). Aber seit 2011 haben Herr und Frau ÖsterreicherIn neue Ängst bzw. Feindbilder: Korrupte Politiker – und vor allem Banker. All diese Themen beschäftigen die ÖsterreicherInnen…
Dienst ist Dienst, Schnaps ist Schnaps, Zuseher ist Zuseher

In meinem (damals noch) jugendlichen Übermut wollte ich alle Grenzen des Fernsehens einreißen, der Partizipation alle Tore öffnen und die Welt auf den Kopf stellen. Mahnende Worte von ATV Infochef Alex Millecker sind mir aus dieser Zeit in Erinnerung, welche ich damals grummelnd akzeptierte – und heute voll unterschreibe:

“AmPunkt ist in erster Linien ein Fernsehformat, die Zielgruppe sind TV-Seher. Die formalen Bedingungen einer Fernsehsendung stehen immer im Vordergrund.”

Richtig bewusst wurde mir die Bedeutung dieser Worte erst, als Kollege Richard Gutjahr  die Rundshow  im Bayrischen Rundfunk startete.
Die Rundshow war von Beginn an ein Experiment, man reagierte in der Liveshow auf Userfeedback, der User war quasi in die Sendungsgestaltung mit eingebunden. Wundervolles, kreatives, wahnwitziges Projekt, dass die Herzen von Formatentwicklern und Social Media Consultants aller Länder höher schlagen ließ – nur leider auch den Seher im User außen vor ließ. Vielleicht, war die Zeit noch nicht reif – doch möge “die Macht” mit ihm sein…

Neuer, heißer Scheiß für den Herbst

118 Folgen von AmPunkt hat es bisher gegeben, und damit uns nicht langweilig wird, haben wir für die kommende Saison neue, supercoole Features! Facebook hat sich entschlossen, den hauseigenen Livechat nicht mehr weiterzuentwickeln. Der war immer schon etwas fehleranfällig und hat uns öfter Anklagen beschert, wir würden zensieren. Doch glücklicherweise haben sich die.socialisten.com da was einfallen lassen: einen Livechat, der auf Facebooks Open Graph basiert! Yeah! Und was den Livechat so supercool macht: man sieht die Fotos der Facebook User, die gerade mitchatten!

Hier kann man schon mal einen Blick drauf werfen, AmPunkt Livestream gibt es dann ab 5.9. um 21.55 Uhr dazu!

Ein kleiner Schritt für den User, ein großer für den Sender…

Aber auch On Air gibt es eine im Vordergrund kleine, im Hintergrund aber sehr aufwändige Änderung (von wegen Grafikkanäle in der Liveregie!) Ab diesem Mittwoch gibt es endlich permanent den Twitter Hashtag #AmPunkt OnAir, außerdem werden die ATV Reporter endlich auch OnAir auf ihre Social Activities hinweisen können. Noch hab ich es nicht live gesehen, aber ATV Aktuell hat schon mal einen Testlauf gestartet (siehe oben!).

Also, nicht vergessen, Am Punkt, 5. September, 21.55 Uhr → http://blog.atv.at/ampunkt!

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